Kinder in Talitha Kumi, Foto: Berliner Missionswerk

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Aachener Friedenspreis 2008 geht an Mitri Raheb und Machsom Watch

Dr. Mitri Raheb, Pfarrer der arabisch-lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem, hat den Aachener Friedenspreis 2008 zugesprochen bekommen. Der Preis wird am 1.September in Aachen verliehen. Die kirchliche Arbeit Dr. Rahebs, aber auch seine Bildungs- und Kulturarbeit, wird u. a. von der EKD unterstützt und begleitet.

Interview mit Mitri Raheb


Pfr. Raheb, trifft Sie diese Preisverleihung unerwartet?

 

Ja, ich habe nicht mit dieser Auszeichnung gerechnet, da ich den Eindruck habe, in der deutschen Szene nicht mehr so wie in früheren Jahren präsent zu sein. Ich habe zwar gehört, daß ich nominiert wurde, aber daß ich nun wirklich geehrt werde, überrascht mich und freut mich sehr.

 

Hat es eine besondere Note, daß die Ehrung an dem Tag, an dem die Palästinenser die al-Nakba („Katastrophe der Vertreibung“) und die Israelis ihren Unabhängigkeitstag begehen, verkündet wurde?

 

Ja, das hat für mich besondere Bedeutung. Denn eigentlich gibt es derzeit nichts zu gedenken oder zu feiern. Israel kann seinen 60. „Geburtstag“ nicht wirklich feiern, weil aufgrund der andauernden Besatzungspolitik das Projekt „Israel“, wie es sich seine Gründerväter und –mütter gewünscht haben, eigentlich gescheitert ist. Aber auch das Gedenken der Palästinenser ist fragwürdig, denn das Projekt „Palästina“ ist durch den Streit zwischen Hamas und al-Fatah ebenso gescheitert. Daher ist die heutige Preisverleihung schon etwas besonderes: Denn sie macht deutlich, daß der Friede weiterhin eine Aufgabe ist und nicht als bereits erreicht gelten kann.

 

Was bedeutet es für Sie, den Preis zusammen unter anderem mit der israelischen Friedensorganisation „Machsom Watch“ zugesprochen zu bekommen?

 

Ich fühle mich geehrt, weil „Machsom Watch“ sehr wichtig ist. Dies weniger für die Palästinenser, die durch die Beobachterfunktion von „Machsom Watch“ an den israelischen Checkpoints eine gewisse Unterstützung erhalten. Sondern vor allem für die Israelis selbst, denn „Machsom Watch“ ist für mich die prophetische Stimme im heutigen Israel. „Machsom Watch“ füllt das biblische Wort, daß Israel sich daran erinnern soll, daß es selbst Knecht in Ägypten war, mit Leben.

 

In diesen Tagen nehmen Sie an einer Tagung mit Partnerkirchen aus aller Welt teil, die in Bethlehem stattfindet. Was kann das Ausland – und dort insbesondere die Kirchen – zum Frieden im Heiligen Land beitragen?

 

Ich habe ein gewisses Misstrauen gegen die „Friedensplauderer“. Weltweit, aber auch in Palästina selbst wird viel zu viel vom Frieden nur geredet und für ihn gebetet. Viel wichtiger ist aber, daß man Fakten für den Frieden schafft. Fakten, die Hoffnung in den Menschen wecken und diese am Leben erhalten. Palästina muß tatkräftig aufgebaut werden, damit es eine Zukunft hat. Der Aachener Friedenspreis ist somit ein Zeichen für das „Dennoch“: für den Frieden muß gearbeitet werden, auch wenn aktuell es wenig Zuversicht gibt und alle Erwartungen schwinden. Die Fakten, die heute geschaffen werden, sind nötig, damit zumindest „übermorgen“, also auf lange Sicht, es eine Basis gibt. Kirchen aus aller Welt, besonders auch die EKD, helfen ungemein, in vielfältiger Weise diese Fakten zu schaffen. Ihr Beitrag ist wichtig, damit Palästinenser befähigt werden, selbst einen Beitrag zum Frieden zu leisten.

 

Welchen Beitrag erwarten Sie von Deutschland für den Frieden in Nahost?

 

Um ehrlich zu sein: Ich erwarte von Deutschland eigentlich nichts in diesem Zusammenhang. Ich befürchte, daß Deutschland noch nicht in der Lage ist, einen entscheidenden Beitrag zu leisten. Die Bundesrepublik mag sich vielleicht finanziell einbringen. Aber ihr sind durch die Geschichte doch sehr die Hände gebunden, um wirklich hier aktiv werden zu können.

 

Was ist denn aus Ihrer Sicht für einen Frieden zwischen Israel, den Palästinensern und den anderen arabischen Nachbarn notwendig?

 

Vor allem ist es nötig, daß es eine Gleichberechtigung zwischen Israelis und Palästinensern gibt. Und diese Gleichbehandlung muß rechtlich abgesichert sein. Zudem ist es nötig, daß diese Koexistenz auch ökonomisch eingebettet ist. Ich halte daher nichts von der aktuell wieder auflebenden Debatte, ob die Zweistaaten-Lösung sinnvoll ist, oder lieber ein binationaler Staat angestrebt werden sollte. Ich sehe nur, daß Israel derzeit verzweifelt versucht, Konzepte zu implementieren, die bereits andernorts gescheitert sind. Ich nenne es das WAR-Konzept. W steht dabei für die „Wall“ (Sperrmauer): auch in Ostdeutschland hat man behauptet, daß das Einsperren eines Volkes der Sicherheit dient. A steht für Apartheid: die Bildung von abhängigen, hilflosen „Bantustans“, die selbst nicht lebensfähig sind, war die Politik, die in Südafrika untergegangen ist. Und R steht für Reservationen: in den USA wurde der Fehler begangen, Menschen zu degradieren und in unfruchtbaren Regionen zusammenzutreiben und festzusetzen. Dies ist der „war“ (Krieg), den Israel führt. Ich wünsche mir, daß es beiden Völkern in diesem Land möglich sein wird, ihre Identität zu gestalten, ohne dafür andere diskriminieren zu müssen. Es ist nötig, daß sich die ganze Region vom Nil bis zum Eufrat neu gestaltet. Ansonsten verpasst sie ihre Chance für die Zukunft. Gegenwärtig erleben wir schon, daß sich der Fokus hin zu den Golf-Emiraten verschiebt.

 

Der Aachener Friedenspreis wird am 1.September übergeben werden. Was ist Ihr größter Wunsch, der bis zu diesem Tag in Erfüllung gehen sollte?

 

Ich wünsche mir vor allem, daß es bis dahin – und auch danach – zu keinem erneuten Krieg kommt: Weder hier im Land, noch im Libanon, mit dem wir heute bangen, noch in Syrien oder im Iran.

Das Interview führte Oberkirchenrat Jens Nieper (EKD) im Mai 2008.

Dr. Mitri Raheb

Dr. Mitri Raheb

 

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