Versöhnung weltweit

Verantwortung der Kirchen weltweit eingefordert

„Versöhnung lässt sich nicht erzwingen; Versöhnung kann auch kein Mittel der Besatzer sein, um Ruhe herzustellen. Versöhnung muss von unten wachsen.“ Munib Younan, evangelischer Bischof von Jerusalem und Präsident des Lutherischen Weltbundes, interpretierte das Thema der Versöhnungstagung, zu der das Berliner Missionswerk am 1. September kirchliche Repräsentanten aus aller Welt eingeladen hatte, sehr politisch.

Er rief die Kirchen in Deutschland, Europa und der Welt dazu auf, Verantwortung zu übernehmen und einzutreten für die Rechte des palästinensischen Volkes. Außer Younan sprachen VertreterInnen aus Südafrika, England und Korea auf der Tagung zur Versöhnung in ihrem jeweiligen Kontext. Aus Berlin nahm der evangelische Bischof Dr. Markus Dröge teil.
    
„Die Besatzung Palästinas muss beendet werden“, so lautete die zentrale Forderung von Bischof Munib Younan, der als Palästinenser zurzeit den zwölften Krieg in seiner Heimat miterlebt und befürchtet: „Dies wird nicht  der letzte sein.“ Umso wichtiger sei es, dass die Welt die Stimme erhebe und die Umsetzung der Zweistaatenlösung für Israel und Palästina einfordere. Das Flüchtlingsproblem müsse endlich gelöst, die israelischen Siedlungen auf der Westbank aufgegeben werden. „Wir christlichen Palästinenser wollen Sicherheit für Israel – und Freiheit für Palästina“, so Younan. Die Sicherheit Israels jedoch hänge von der Freiheit der Palästinenser ab.

Der Präsident des lutherischen Weltbundes erinnerte daran, dass sowohl die Israelis als auch die Palästinenser in der Vergangenheit viel Gewalt erfahren hätten. Und gerade darum könne Versöhnung nur gelingen, wenn beide Seiten von ihr überzeugt seien. Seine Kirche, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, setze daher vor allem auf Bildung. „Bildungsarbeit ist Friedensarbeit“, zitierte Younan einen Slogan, den das Berliner Missionswerk für seine Arbeit in Palästina geprägt hat.

Den Wert der Bildung hob auch Dr. Min Heui Cheon aus Südkorea in ihrem Vortrag hervor. Auch ihre Kirche engagiert sich stark politisch: mit Bildungsarbeit, mit Lebensmittellieferungen nach Nordkorea (die zurzeit wegen politischer Spannungen gestoppt sind) und seit März diesen Jahres auch mit Montagsdemonstrationen nach Leipziger Vorbild. „Für mich ist es sehr bewegend, in Berlin zu sein und zu sehen, dass die Mauer verschwunden ist“, so Dr. Min. „Für uns Koreaner ist das ein wichtiges Zeichen!“

Dass Versöhnung kein punktuelles Ziel sein kann, sondern ein immerwährender Prozess ist, darauf verwies Bischof Gerhard de Vries Bock aus Kapstadt, der von den Erfahrungen in Südafrika seit dem Ende der Apartheid berichtete. Lordbischof Dr. Richard Chartres (Foto) aus London erinnerte mit einem Bild des brennenden London im Zweiten Weltkrieg an das große Leid, das damals das Leben sowohl in England als auch in Deutschland prägte. Dann schlug er den Bogen in die Gegenwart: „In der Vergangenheit haben intervenierende Westmächte bei internationalen Konflikten die Probleme eher verschärft als gelöst, aber das kann uns nicht von der Verantwortung freisprechen, unsere Stimme zu erheben zum Schutz der Gewaltopfer etwa im Nahen Osten.“

Auch Bischof Dr. Markus Dröge ging auf die brennenden politischen Fragen der Zeit ein: „Es brennt an den Rändern Europas.“ Dietrich Bonhoeffer habe gemahnt, dass es Zeiten gebe, in denen es nötig sein könne, „dem Rad in die Speichen zu fallen, also sogar Gewalt anzuwenden, um einen Tyrannen zu hindern, sein grausames Werk zu tun“. Unabhängig davon aber sehe sich die Kirche verpflichtet, die christliche Botschaft der Versöhnung zu leben.

Die Tagung des Berliner Missionswerkes zum Thema „Versöhnung weltweit“ fand am 1. September aus Anlass des 190. Geburtstags des Berliner Missionswerkes statt und endete mit einem Friedensgebet von Bischof Munib Younan und Missionsdirektor Roland Herpich vor dem Brandenburger Tor im Beisein von rund 35 Kirchenführern aus aller Welt.


Fotos von den Jubiläumsfeierlichkeiten hier in einem Web-Album.

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