Talitha Kumi: 175 Jahre Bildung und Hoffnung

Und dann wurde gefeiert: Apo & the Apostles ©Gerd Herzog

Talitha Kumi: Verantwortung für andere

Mit einem Festgottesdienst, einem Umzug durch Beit Jala und einem Festakt auf dem Schulgelände hat Talitha Kumi am 26. September sein 175-jähriges Bestehen gefeiert. 175 Jahre sind ein Anlass, zurückzublicken. In Beit Jala aber ging der Blick an diesem Tag schnell nach vorn: Was kann eine Schule jungen Menschen mitgeben, wenn die Gegenwart unsicher ist?

Ein Mädchen soll aufstehen. „Talitha kumi!“ lautet der Ruf Jesu im Markusevangelium. Aus diesen Worten ist der Name einer Schule geworden, die seit 175 Jahren junge Menschen in Palästina begleitet. Zum Jubiläum war auch eine Delegation aus Deutschland nach Beit Jala gereist. Vertreten waren das Berliner Missionswerk als Träger, die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), die Evangelische Landeskirche Anhalts und der Jerusalemsverein. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern, den Eltern, den Mitarbeitenden Talitha Kumis und vielen weiteren Gästen feierten sie den Geburtstag der Schule.

Der Festtag begann mit einem Umzug, angeführt von den Pfadfinder:innen Talitha Kumis durch Beit Jala und einem Gottesdienst in der kleinen lutherischen Reformationskirche. In seiner Festansprache erinnerte Ulrich Schöntube, Direktor des Berliner Missionswerkes, an den besonderen Auftrag der Schule: „Friede lässt sich bilden.“ Dazu gehöre, Vorurteile zu überwinden, empathisch zu sein, verschiedene Perspektiven einzunehmen und offen für die Not des anderen zu bleiben. In seiner Meditation erinnerte Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer von der Evangelischen Landeskirche Anhalts daran, dass Leiden und Hoffnungslosigkeit nicht das Ende der Geschichte sein sollten. Talitha Kumi sei aus dem Vertrauen auf das Leben entstanden. „Der andere ist nicht der Feind“, sagte Wolkenhauer.

Sally Azar, Pastorin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, verband die Geschichte der Schule mit ihrer eigenen Familiengeschichte. Ihre Urgroßmutter sei Diakonisse und Mitgründerin gewesen, auch ihre Großmutter und ihre Tante hätten zu Talitha Kumi gehört. Heute, sagte Azar, scheine die Hoffnung oft ihre Kraft zu verlieren. Doch „Talitha Kumi!“ sei eine Aufforderung, die weiterlebe: Ein Mensch zählt. Ein Mensch wird gesehen. Eine Fürbitte sprach, neben anderen, auch Superintendent Thomas Harms für die EKBO. Reem Handal, Musiklehrerin an Talitha Kumi, begleitete den Gottesdienst mit dem Schulchor Talitha Kumis am Klavier. Zum Ausgang interpretierte sie die Schlagermelodie „Tränen lügen nicht“. Ungewöhnlicher, gleichwohl berührender Schlussakkord dieses besonderen Gottesdienstes.

Eine Schule, die Werte lebt

Beim anschließenden Festakt auf dem Schulgelände ging es um die Geschichte der Schule, vor allem aber um ihre Gegenwart. Birger Reese und Laura Bishara begrüßten die Gäste. Auch die Delegation aus Deutschland war dabei. Prof. Dr. Sumaya Farhat-Naser erinnerte an ihre lebenslange Freundschaft mit ihrer muslimischen Mitschülerin Fatima Dweib, die in Talitha Kumi begann. Sie erzählte von der „preußischen Erziehung“ durch die Diakonissen und von deren Botschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen. Noch lange nach ihrer Schulzeit habe sie die jeweiligen Schulleiter anrufen können, wenn ein Mädchen in Not gewesen sei. „Es wurde immer geholfen.“

Gudrun Schmitz, stellvertretende Schulleiterin, stellte das neue Leitbild vor. Vielfalt, Toleranz, Frieden, Nächstenliebe, Verantwortung, Zukunftskompetenz, Partizipation und Verständigung sind darin zentrale Begriffe. Anke Schlimm, Leiterin des Deutschen Vertretungsbüros in Ramallah, hatte die Bestätigung dabei, dass Talitha Kumi weiterhin "Exzellente Deutsche Auslandsschule" bleibt. Ein toller Erfolg für die ganze Schule! Sie verwies außerdem auf die Bedeutung von Toleranz und gelebter Demokratie. Bei der Botschafterkonferenz, an der sie gerade in Deutschland teilgenommen habe, sei die Frage, wie Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen und zusammenfinden können, ein wichtiges Thema gewesen. „Und diese Schule lebt diese Werte“, so Anke Schlimm. Gerade in einer Region, in der Verständigung so schwierig sei, komme Talitha Kumi eine besondere Bedeutung zu. Die Bundesregierung sei froh, diese Arbeit unterstützen zu können. Wie diese Werte im Schulalltag ankommen, beschrieb Majd Abdo aus der zwölften Klasse. Für ihn ist entscheidend, seine Meinung frei äußern zu können und zugleich zu lernen, andere Meinungen und damit andere Menschen zu respektieren.

Ulrich Schöntube, Direktor des Berliner Missionswerkes, nannte zwei Fragen, die für die Zukunft entscheidend seien: Wie gehen wir mit Informationen um? Und wie entwickeln wir Empathie? Beides werde an Talitha Kumi gelebt. Markus Schawe von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen verwies auf die Aufgaben der 135 deutschen Auslandsschulen: Friedenserziehung, kulturelle Begegnung, Konfliktbewältigung und Demokratiebildung. Magdalena Stachura vom Berliner Missionswerk erinnerte daran, dass gute Bildungsarbeit verlässliche Finanzierung brauche. Das Missionswerk sei jedoch mehr als der Träger der Schule: Es trage auch dazu bei, ihre Arbeit in Deutschland und darüber hinaus bekannt zu machen. Karin Kriener, Interims-Pröpstin von Jerusalem, hob die gelebte Inklusion an Talitha Kumi hervor. Bischof Azhar erinnerte an das 125-jährige Jubiläum der Schule, an dem er als Dreizehnjähriger teilgenommen hatte.

Karsten Wolkenhauer sprach beim Festakt über Verantwortung und Nachbarschaft. Zunächst erinnerte er an den „Petrov-Tag“: Am 26. September 1983 erkannte der sowjetische Offizier Stanislaw Petrow einen vermeintlichen amerikanischen Raketenangriff als Fehlalarm und entschied sich gegen eine Weitergabe der Meldung. „Er übernahm Verantwortung für die ganze Menschheit, buchstäblich“, sagte Wolkenhauer. Dann wurde es persönlich. In einer schwierigen Zeit habe ihm jemand einen Korb mit Äpfeln vor die Tür gestellt. Jemand hatte sich entschieden, sein Nachbar zu sein. „Ich habe in den letzten Tagen viele Menschen kennengelernt, die meine Nachbarn sein wollen.“

Wolfgang Schmidt und Sybille Möller-Fiedler vom Jerusalemsverein übergaben anschließend einen Scheck zur Unterstützung der Schule, ebenso Cornelia von Ukrow von der Stiftung Morgenland. Die anderen Mitglieder der Delegation aus Deutschland hatten besondere Geschenke mitgebracht: Zwei Maurerkellen. Symbolisch für ein Mosaik, dass sich Talitha Kumi zu seinem Geburtstag gewünscht hat.

Am Nachmittag wurde auf dem Schulgelände weitergefeiert. Dutzende Stände unterhielten, informierten und verköstigten die vielen Gäste. Und am Abend trat die Band „Apo and the Apostles“ auf. Für viele Schülerinnen und Schüler dürfte dies der Moment gewesen sein, auf den sie am meisten gewartet hatten.

 

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