Hoffnung auf dem Dessauer Marktplatz
2.500 Menschen feiern am 30. August in Dessau ein Fest der Kirche, eine Woche vor der Landtagswahl. Posaunen sind schon von weitem zu hören. Auf dem Dessauer Marktplatz stehen 125 Tische, mit Blumen geschmückt, an denen sich nach und nach immer mehr Menschen versammeln. Es wird gegessen, gesungen und geredet. Kirchengemeinden sind da, Vereine und Initiativen, Menschen aus Dessau und Gäste aus anderen Landeskirchen. Am Ende werden es rund zweieinhalbtausend sein. Eine Woche vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist das Hoffnungskulturfest der Evangelischen Landeskirche Anhalts auch eine Demonstration: Nicht gegen jemanden, sondern für eine Gesellschaft, in der Verschiedenheit ausgehalten und Gemeinschaft gelebt wird.
Die Landeskirche Anhalts hat zu diesem Fest eingeladen, aber der Marktplatz gehört an diesem Sonntag nicht nur ihr. An den Ständen präsentieren sich kirchliche Einrichtungen und zivilgesellschaftliche Initiativen. Es gibt Musik und Gespräche, Kaffee und Kuchen, Diskussionen über Heimat und die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält. Das Berliner Missionswerk ist mit einem eigenen Stand und einem Begegnungstisch vertreten. Begegnung ist hier kein Schlagwort. Sie findet tatsächlich statt: zwischen Menschen, die sich kennen, und solchen, die sich zum ersten Mal sehen; zwischen Kirche und Stadtgesellschaft. Auch die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ist stark vertreten. Bischof Dr. Christian Stäblein wirkt am Gottesdienst mit, Präses Harald Geywitz und Generalsuperintendentin Prof. Julia Helmke gehören ebenfalls zu den Gästen aus Berlin. Dazu kommen leitende Geistliche und Vertreterinnen und Vertreter weiterer Landeskirchen und der EKD, darunter die Braunschweiger Bischöfin Dr. Christina-Maria Bammel und die Ratsvorsitzende, Bischöfin Kirsten Fehrs. Aus einem Fest der Landeskirche Anhalts wird so ein Treffen der evangelischen Kirche in Deutschland.
Dass dieser Sonntag politisch ist, lässt sich nicht übersehen. Die Wahl ist allgegenwärtig, auch wenn sie nicht jede Gesprächsrunde bestimmt. Der anhaltische Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer erzählt in seiner Predigt von der biblischen Geschichte des Dornbuschs, der zum König werden will. Die Bäume suchen einen Herrscher, der ihnen Schutz verspricht. Der Dornbusch bietet Schatten an – und droht zugleich mit Feuer. Eine alte Geschichte, die sich erstaunlich leicht in die Gegenwart übersetzen lässt. Doch die Botschaft des Tages erschöpft sich nicht in der Warnung vor den falschen Versprechen. Interessanter ist die andere Frage: Was ist das, wofür eine Gesellschaft stehen kann? Auf dem Marktplatz fällt deshalb immer wieder das Wort Heimat. Nicht als Besitzanspruch, sondern als etwas, das mehrere Zugehörigkeiten zugleich zulässt. Dessau, Sachsen-Anhalt, Deutschland, Europa: das eine muss das andere nicht ausschließen.
Auch die Kirche selbst wird nach ihrer Rolle gefragt. Sie kann keine Partei sein und muss auch nicht auf jede politische Frage eine fertige Antwort haben. Aber sie kann sich nicht ins Private zurückziehen, wenn Menschenwürde und Freiheit unter Druck geraten. Ihre Stärke liegt an diesem Sonntag weniger in großen Erklärungen als in ihrer Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen.
Am Nachmittag singt Sebastian Krumbiegel von den Prinzen mit dem Marktplatz über Demokratie, Hoffnung und Menschlichkeit. Später sprechen Menschen auf der Bühne darüber, was ihnen Hoffnung gibt. Hoffnung ist dabei nicht mit Optimismus zu verwechseln. Optimismus erwartet, dass alles gut ausgeht. Hoffnung hält auch dann an den eigenen Überzeugungen fest, wenn der Ausgang offen ist. Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft dieses ungewöhnlichen Sonntags. Die 125 Tische auf dem Dessauer Marktplatz sind kein politisches Programm. Aber sie zeigen, wie Demokratie aussehen kann, wenn sie nicht nur von Institutionen handelt: Menschen sitzen nebeneinander, essen miteinander, hören einander zu und widersprechen sich, ohne einander die Zugehörigkeit abzusprechen.
Als es Abend wird, singen die Menschen gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“. Der Marktplatz leert sich langsam. Zurück bleibt die Erfahrung eines Tages, an dem die Kirche nicht über die Gesellschaft gesprochen hat, sondern mitten in ihr stand. Eine Woche vor der Wahl ist das vielleicht die stärkste Form von Hoffnung: sichtbar zu bleiben, miteinander im Gespräch zu bleiben und den anderen nicht aus dem Blick zu verlieren.
Die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält, reicht dabei über diesen Sonntag hinaus. Auch die neue WeltBlick nimmt das Verhältnis von Religion und Populismus in den Blick. Angesichts der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt fragt das Magazin, welche Verantwortung Kirche in einer polarisierten Gesellschaft übernimmt und was Glaube dem Denken in Freund und Feind entgegensetzen kann.
Die neue WeltBlick 2/2026 „Religion und Populismus“ steht hier zum Herunterladen bereit!
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