Haltung und Dialog
Die Sommerakademie begann mit einer Frage, die sich durch alle Tage zog: Wie können Kirchen in einer polarisierten Gesellschaft Haltung zeigen, ohne den Dialog zu verlieren? Dahinter stand die Einsicht, dass kirchliche Beiträge zur öffentlichen Debatte nicht nur Gehör, sondern auch Resonanzräume brauchen. Gerade dort, wo Spannungen wachsen.
Mit dieser Tagung knüpfte das Berliner Missionswerk an eine frühere Tradition an und brachte internationale Gäste aus seinen Partnerkirchen zum Austausch nach Berlin. Vom 14. bis 17. Juni trafen sich rund 60 Teilnehmende aus aller Welt im Evangelischen Zentrum mit Menschen aus der EKBO und aus Anhalt, organisiert von einem Team um Barbara Neubert, Dr. Simon Kuntze und Dorothea Gauland.
Den Auftakt markierte ein interreligiöses Friedensgebet in der Kapelle der Versöhnung. Bischof Dr. Christian Stäblein bat um Frieden „nicht von dieser Welt, aber für diese Welt“. Der Begriff blieb nicht abstrakt. „In der jüdischen Tradition bedeutet Frieden, widersprüchliche Positionen zu versöhnen“, sagte Rabbiner Dr. Andreas Nachama. Und Imam Kadir Sanci ergänzte: Frieden sei kein Zustand, sondern Entscheidung, getragen von Klarheit und Standfestigkeit. Musik von Assaf Levitin und Albrecht Gündel-vom Hofe rahmte den Abend.
Die theologische Setzung für die Tagung folgte am nächsten Morgen durch Pastor Gerhard Bock aus Südafrika. Sein Leitgedanke: „Ich sehe Gottes Ebenbild in dir.“ Ein Satz, der weniger als Programm denn als Zumutung wirkte und sich als roter Faden durch die Tagung zog. Von hier aus verschob sich der Blick auf die Grundfrage: Was folgt aus der Vorstellung des Menschen als Ebenbild Gottes? In der europäischen Rechts- und Geistesgeschichte ist daraus die Idee der Menschenwürde geworden. Prof. Dr. Torsten Meireis, Sozialethiker der Berliner Humboldt-Universität, führte dies in seiner Keynote zur öffentlichen Theologie und zu Fragen von Migration und gesellschaftlichem Auftrag aus. Auf dem Podium – gemeinsam mit Julie Holm und Bischof Zwanini A. Shabalala – wurde daraus eine Debatte über Identität und Gesellschaft, moderiert von Dr. Simon Kuntze. Den vollständigen Vortrag von Prof. Meireis finden Sie hier auf unserem YouTube-Kanal.
Die Workshops nahmen den Faden auf. Themen wie Religion und sozialer Auftrag, politische Identität in den USA, Wohlstandstheologie oder Versöhnungsprozesse in Südafrika standen nebeneinander. Besonders der „Big-Tent-Ansatz“, den Julie Holm vorstellte, zielte auf eine Verschiebung der Perspektive: Weg von Schlagworten und hin zur Biografie des Gegenübers. Auf den Einwand, dies sei im Umgang mit abgelehnten Positionen schwer durchzuhalten, die zugespitzte Antwort: Menschen mögen sich nicht immer – aber sie bleiben als Ebenbild Gottes adressiert. Und zwischen den Veranstaltungen entstand, fast beiläufig, das eigentliche Netzwerk der Tage: Gespräche mit Gästen aus Partnerkirchen weltweit, Übergänge von Theorie zu Erfahrung, von Vortrag an den Kaffeetisch.
Im weiteren Verlauf wurde die Rolle der Kirchen als Spannung beschrieben: zwischen klarer Positionierung und dialogischer Offenheit. Prälatin Dr. Anne Gidion, Beauftragte der EKD bei der Bundesregierung und der EU, sprach von einem Zusammenspiel aus Stärke und Kommunikation. Stärke im Widerspruch gegen die Verletzung der Menschenwürde, Kommunikation als Suche nach gemeinsamen Räumen. Unter dem Titel „We shall overcome – Glaube gegen Populismus“ verband sie politische Erfahrung mit theologischer Perspektive. Iman Andrea Reimann sprach danach vom religiösen „Versprechen“ als Antwort auf die Angst der Menschen, getragen von Frieden und Vertrauen. Tanja Berg wiederum zeigte in ihrem Workshop, wie jüdische und scholastische Traditionen Wahrheit nicht als Abschluss, sondern als Prozess verstehen: als Nebeneinander von Deutung, nicht als deren Ende. Auch den Vortrag von Dr. Gidion (und die Antwort von Iman Reimann) können Sie nachverfolgen.
Am Ende führte die Reise nach Dessau. Im Gemeinde- und Diakoniezentrum St. Georg trafen die Teilnehmenden der Sommerakademie auf Vertreter:innen der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Albrecht Steinhäuser, Beauftragter der Evangelischen Kirchen in Sachsen-Anhalt bei Landtag und Landesregierung, skizzierte eine Gesellschaft zwischen Verunsicherung und Zukunftsangst. Die Aufgabe der Kirchen: Vertrauen stärken, Räume öffnen, Gespräch ermöglichen.
In Workshops wurde das konkret. Etwa in Berichten von Superintendent Matthias Porzelle aus dem Kirchenkreis Egeln und Pfarrerin Ina Killyen aus Raguhn über die alltäglichen Herausforderungen im Umgang mit der AfD, Erfahrungen aus dem „Bündnis für Demokratie“ oder der Kampagne „Herz statt Hetze“. Zum Auftakt hatte Matthias Kopischke in einer Andacht Jesu Wort „Kommt her zu mir, alle …“ in die Gegenwart geholt: ein Satz gegen Ausgrenzung, gesprochen in einer Zeit zunehmender Polarisierung.
Am Ende blieb keine Synthese, sondern eine Linie: Gesellschaftliche Konflikte lassen sich nicht in Siege und Niederlagen auflösen. „Wahrheit ist ein Prozess, wie wir von Tanja Berg gehört haben“, so Dr. Ulrich Schöntube in seiner Zusammenfassung der Tagung. Und um dies auf gesellschaftliche Konflikte anzuwenden, so Schöntube weiter, „bedarf es des Vertrauens darauf, dass es bei der Debatte nicht um Gewinnen oder Verlieren geht, sondern um eine aufrichtige Suche nach der Wahrheit. In dieser Hinsicht sind alle Themen, die ich gehört habe, Variationen derselben grundlegenden biblischen Erkenntnis, die am Beginn unserer Konferenz stand: Wir sind nach Gottes Ebenbild geschaffen“.
Weitere Fotos von der Tagung finden Sie hier >>
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