Mit den Leidenden zu gehen, nicht nur in Palästina
Zum Auftakt des 173. Jahresfestes des Jerusalemsvereins füllten zahlreiche Gäste die Französische Friedrichstadtkirche. Im Festgottesdienst hielt Imad Haddad, der neue Bischof der ELCJHL, die Predigt. Bischof Stäblein zeigte sich im Anschluss tief berührt, würdigte den Mut der palästinensischen Partnerkirche und überreichte Haddad ein theologisches Werk sowie eine Engelsfigur als Zeichen der Verbundenheit.
In seiner Predigt lud Bischof Haddad dazu ein, den Weg Jesu nach Jerusalem nicht aus der Distanz zu betrachten, sondern aktiv mitzugehen. So wie in Lukas 18,31–43. Jesus wusste, dass Leid, Ablehnung und Tod auf ihn warteten, und er ging dennoch bewusst in diese Stadt, einem Ort von Macht, Entscheidungen und Konflikten. Hier zeige sich die lutherische Kreuzestheologie, so Haddad: Gott offenbart sich nicht durch Kontrolle, sondern durch treue Liebe und Nähe im Leid. Am Weg begegnete Jesus einem blinden Bettler, heißt es im Evangelium, der am Straßenrand saß und um Erbarmen rief. Viele wollten ihn zum Schweigen bringen, weil seine Stimme unbequem war. Doch Jesus blieb stehen, fragte nach seinem Bedürfnis, schenkte Würde und heilte ihn.
Haddad zog daraus eine direkte Verbindung zur Gegenwart: Viele Menschen in Palästina lebten am Rand, ihre Stimmen wurden oft überhört, ihr Alltag war geprägt von Besatzung, Einschränkungen und Unsicherheit. So Haddad betonte, dass der Evangelist die weltweite Kirche dazu aufrief, mit den Leidenden zu gehen, nicht nur in Palästina. Für Gerechtigkeit zu beten, Beziehungen zu pflegen und Räume für ihre Stimmen zu schaffen. Christliche Solidarität zeigte sich nicht im Wettstreit des Leidens, sondern im gemeinsamen Zeugnis von Hoffnung, Präsenz und Barmherzigkeit, so Haddad: „Lasst uns also gemeinsam nach Jerusalem gehen und nicht auf unsere eigene Kraft vertrauen, sondern auf die Barmherzigkeit dessen, der innehält, zuhört und heilt!“
Bischof Dr. Christian Stäblein zeigte sich in seinem Grußwort erfüllt von Haddads Predigt: Sie habe sein Herz berührt. „Ich bewundere ihre Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden. Ich sage: Ihre Sehnsucht ist unsere Sehnsucht. Ihr Leiden ist unser Leiden“, so Bischof Stäblein. Als Zeichen der Verbundenheit überreichte er Bischof Haddad ein Buch zur Gottesdienstvorbereitung, “den ‘Kanon’ der Sonntagslesungen in Deutschland”. Und einen kleinen Engel für die Tasche des Talars. Die Figur solle an die gemeinsame Geschichte, Tradition und den gemeinsamen Glauben erinnern, so Bischof Stäblein: „Wir bleiben durch unsere gemeinsame Feier verbunden. Denn wenn ein Glied des Leibes feiert, feiern die anderen mit ihm“.
Dr. Imad Haddad wurde am 11. Januar 2026 in der Jerusalemer Erlöserkirche in sein Amt eingeführt. Er ist in Beit Jala im Westjordanland aufgewachsen und studierte Theologie in Beirut sowie in Columbia (USA/South Carolina). Im Jahr 2008 wurde er ordiniert und war zunächst Pfarrer in Beit Sahour und in Ramallah. 2020 wechselte er nach Amman. Der interreligiöse Dialog und die ökumenische Zusammenarbeit liegen ihm besonders am Herzen. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.
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