Sichtbarmachen, Verantwortung übernehmen
Am 8. April 2026 findet zum achten Mal der Internationale Tag der Provenienzforschung statt. An diesem Tag gibt die Kunsthistorikerin Maike Schimanowski Einblicke in ihren Erstcheck der Afrika-Bestände des Berliner Missionswerkes im Landeskirchlichen Archiv am Bethaniendamm (ELAB).
Exemplarisch wird Maike Schimanowski drei „Cultural Belongings“ aus dem südlichen Afrika und aus Ostafrika präsentieren und auf die Frage eingehen, wie koloniale Kontexte und Sammlungsgeschichte in Deutschland erforscht werden. Zudem wird der stellvertretende Archivleiter, Hagen Collatz, eine kurze Vorstellung und Einführung in das ELAB geben. Provenienzforschung ist integraler Bestandteil der Arbeit in Museen, Bibliotheken, Archiven und auf dem Kunstmarkt zur Identifizierung von sogenanntem “Raubgut”. Sie dient dem Erkenntnisgewinn zur Sammlungs- und Institutionengeschichte sowie dem Verständnis der Prozesse der Authentifizierung, der (Wert-)Zuschreibung, der Manifestation oder der Aneignung dessen, was heute als Kulturgut definiert wird. Viele Kultureinrichtungen in Berlin arbeiten seit geraumer Zeit daran, die Herkunft ihrer Bestände zu erforschen bzw. ihre Sammlungen nach “Cultural Belongings” aus Unrechtskontexten zu durchsuchen. Der 2019 vom Arbeitskreis Provenienzforschung ins Leben gerufene Aktionstag rückt diese Arbeit in den Fokus der Öffentlichkeit.
Brigitte Lawson (sie leitet seit März die Projektstelle „Rassismuskritische Maßnahmen in der EKBO“ im Berliner Missionswerk) hat Maike Schimanowski vor kurzem besucht und schildert ihre Erfahung: „Ich sitze in einem Raum des Ev. Landeskirchlichen Archivs in Berlin an einem strahlend schönen Tag Ende März 2026, bei relativ kühlen Temperaturen. Auf einem Archivrollwagen liegt ein ‚Objekt‘, nämlich die Große Ngoma, eine Basstrommel. Ihr Klang ist laut und tief. Die Ngoma trägt in sich ihr kulturelles und ihr Körpergedächtnis. Ich höre sie und ich höre ihr zu, einem heiligen Moment. Plötzlich öffnet sich die Tür, und Maike Schimanowski und Archivleiterin Sabrina Heeren-Simon betreten den Raum. Im Mittelpunkt unseres folgenden Gesprächs stehen die ‚Cultural Belongings‘ aus kolonialen Kontexten im Besitz des Berliner Missionswerks.“
Der Komplex „Rassismus und koloniale Verstrickungen in Missionswerken“ wird seit längerer Zeit von verschiedenen europäischen evangelischen Einrichtungen intensiv journalistisch-wissenschaftlich aufgearbeitet: von der Schweiz über Belgien und Frankreich nach Deutschland. Dabei verfolgen sie verschiedene Ansätze der historischen Aufarbeitung, Ansätze wissensbasierter Rassismuskritik und missionarischer Verantwortung in der Gegenwart.
Das Berliner Missionswerk hat seinen Ursprung in der evangelischen Missionsbewegung des frühen 19. Jahrhunderts. Es nutzt aufgrund des synodalen Beschlusses von 2021 die positiven, aber auch kritischen Erfahrungen seiner Geschichte, um diese in die aktuellen Diskussionen um Mission und Kolonialismus einzubringen. Das Berliner Missionswerk überarbeitete 2022 seine Ausstellung und eröffnete schließlich im Jubiläumsjahr 2024 die neue ständige Ausstellung Mission:Reflexion. Zudem besitzt es eine „ethnologischen Sammlung“, die etwa 1.000 ethnografische „Objekte“ umfasst, vorwiegend aus China, Südafrika und dem heutigen Tansania. Diese „Objekte“ eigneten sich deutsche missionarische Menschen an und sandten sie nach Deutschland, um dort in Ausstellungen der deutschen Bevölkerung das vermeintlich alltägliche Leben und den sogenannten Aberglauben der Menschen zu zeigen. Das geschah mit der Absicht, „dagegen“ den christlichen Glauben und die „christliche Zivilisation“ mit seinen angeblichen Vorzügen zu stellen. Teils sind die „Objekte“ aus den Nachlässen entsandter Missionar:innen, wurden direkt an die Vorgängerorganisation – die Berliner Missionsgesellschaft (BMG) – gesandt oder beim Heimaturlaub mitgebracht.
„Mit unserer Beteiligung an dieser Provenienzforschung und der Mitarbeit in der Arbeitsgruppe Koloniale Provenienz leistet das Berliner Missionswerk einen Beitrag zur Aufarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit bzw. seiner Vorgängerorganisation, der BMG. Mit dem synodalen Beschluss vom 2021 streben wir eine angemessene und zeitgemäße Auseinandersetzung mit den eigenen historischen Beständen an,“ so Dr. Ulrich Schöntube, Direktor des Berliner Missionswerks.
Im Fokus der Aufarbeitung stehen das Sichtbarmachen und die Verantwortungsübernahme für die koloniale Vergangenheit des Berliner Missionswerkes und seiner handelnden Akteur:innen. Darüber hinaus zielt der Erstcheck darauf ab, eine Grundlage für neue oder re-aktivierte Beziehungen zu den Herkunftsgesellschaften zu schaffen. Dazu gehören auch die Beziehung des Berliner Missionswerkes zu seinen langjährigen Partnerkirchen in Tansania und Südafrika, der Evangelical Lutheran Church in Tanzania und der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Südlichen Afrika, die aus der Missionstätigkeit des Missionswerkes und anderer Missionsgesellschaften entstanden sind.
Im Zeitraum von Januar bis Juni 2026 wird der Erstcheck des Kulturguts der „ethnologischen Sammlung“ des Berliner Missionswerkes, die im ELAB verwaltet und aufbewahrt, durchgeführt. Der Erstcheck dient der Einschätzung möglicher kolonialer Kontexte, gemäß den Empfehlungen des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste (DZK). Er zielt ab auf die Sichtung und ggf. ergänzende fotografische Dokumentation der „Objekte“, der Identifikation von Cultural Belongings mit erhöhtem Forschungsbedarf, die Erstellung eines deutsch- und englischsprachigen Berichtes für die Forschungsdatenbank PROVEANA sowie die Bereitstellung von Forschungsdaten für das digitale CCC-Portal der Deutschen Digitalen Bibliothek. Letzteres bildet die Arbeitsgrundlage für potenzielle weitere kollaborative Provenienzforschung mit Vertreter:innen afrikanischer Gesellschaften.
„Seitdem Sabrina Heeren-Simon und Maike Schimanowski den Raum betreten haben, sind mehr als drei Stunden vergangen“, so Brigitte Lawson, „ich konnte Einblicke in die vielfältigen archivischen Aufgaben und vorhandenen Cultural Belongings gewinnen. Zu dem Kulturgut aus kolonialen Kontexten werden unter anderem Details aus den Akten und Archivmaterial recherchiert, die Aufschluss über die Herkunft, Vorbesitzer:innen oder frühere Nutzer:innen, kulturelle Signifikanz und Sensibilität der Gegenstände bis hin zu den kolonialen Aneignungskontexten geben. In den Akten finden sich beispielsweise auch Aufträge und Bestelllisten für den Ankauf von ‚ethnografischen Gegenständen‘, die die BMG seinerzeit an Missionar:innen in den damaligen Missionsstationen versandte.“
Internationaler Tag der Provinienzforschung, Mittwoch, 8. April 2026, 15.30 bis 17 Uhr im Ev. Landeskirchlichen Archiv in Berlin, Bethaniendamm 29, 10997 Berlin-Kreuzberg.
Weitere Informationen zum Tag der Provenienzforschung auf www.arbeitskreis-provenienzforschung.org