Workshop: Erstcheck der afrikanischen Bestände

Viel Aufmerksamkeit im Knaksaal ©G. Herzog

Workshop zum Erstcheck der afrikanischen Sammlungsbestände

Wie lässt sich das materielle Erbe der Missionsgeschichte heute verantwortungsvoll erforschen? Im Berliner Missionswerk diskutierten Fachleute am 26. Juni die Ergebnisse eines Erstchecks afrikanischer Sammlungsbestände und entwickelten Perspektiven für die weitere Provenienzforschung.

Es sind oft die Gegenstände, die länger überdauern als die Erzählungen, mit denen sie einst versehen wurden. In Archiven und Depots lagern sie als stumme Zeugen vergangener Begegnungen, Konflikte und Machtverhältnisse. Wer sie heute betrachtet, blickt nicht nur auf die Geschichte ihrer Herkunft, sondern ebenso auf die Geschichte ihres Sammelns. Genau dieser Perspektivwechsel stand im Mittelpunkt eines Workshops im Berliner Missionswerk. Rund 30 Teilnehmende kamen in die Georgenkirchstraße, zahlreiche weitere schalteten sich digital zu, um die Ergebnisse des Erstchecks der afrikanischen Sammlungsbestände zu diskutieren.

Veranstaltet wurde der Workshop gemeinsam vom Berliner Missionswerk, dem Evangelischen Landeskirchlichen Archiv Berlin (ELAB) und dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste. ELAB-Direktorin Sabrina Heeren-Simon erinnerte daran, dass die Sammlung zwar im Archiv verwahrt werde, Eigentümer aber weiterhin das Berliner Missionswerk sei. Der Erstcheck bilde nun die Grundlage für die Frage, wie diese Bestände künftig wissenschaftlich erschlossen und historisch eingeordnet werden können.

In seinem Grußwort verwies Direktor Dr. Ulrich Schöntube darauf, dass sich die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Berliner Missionswerks nicht in Akten und Chroniken erschöpfe. Gerade der Umgang mit den materiellen Zeugnissen mache sichtbar, wie komplex das missionarische Erbe bis heute ist. Aus Begegnungen mit Menschen in den früheren Missionsgebieten, die heute Partnerkirchen sind, wisse er, wie unterschiedlich diese Objekte wahrgenommen würden. Eine verantwortungsvolle Aufarbeitung müsse deshalb auf vorschnelle Antworten verzichten und den Dialog über die Deutung der Sammlungen öffnen.

Den wissenschaftlichen Auftakt gestaltete die Religionswissenschaftlerin Prof. Dr. Birgit Meyer von der Universität Utrecht. Aus ihrer Forschung in Ghana heraus zeigte sie, weshalb Missionssammlungen inzwischen weit mehr sind als historische Kuriositäten. Sie erlauben Einblicke in koloniale Verflechtungen ebenso wie in religiöse Begegnungen, deren Spuren sich in den Objekten eingeschrieben haben. Nicht zuletzt die Debatten der vergangenen Jahre über koloniale Sammlungen hätten diesen Beständen eine neue Aufmerksamkeit verschafft.

Meyer warb dafür, Provenienzforschung nicht allein als Rekonstruktion von Besitzverhältnissen zu verstehen. Materielle Kultur eröffne einen Zugang zu den Beziehungen zwischen Gesellschaften und ihren jeweiligen Wissensordnungen. Gerade spirituelle Objekte machten dies deutlich. In ihren Herkunftsgesellschaften seien sie Träger religiöser Wirksamkeit gewesen, während Missionare sie häufig unter Begriffen wie „Götzen“, „Zaubermittel“ oder „Aberglaube“ beschrieben und damit in ein christliches Deutungssystem überführten. In dieser Überlagerung verschiedener Perspektiven liege heute ihr wissenschaftlicher Erkenntniswert.

Die Kunsthistorikerin Maike Schimanowski stellte anschließend die Ergebnisse ihres sechsmonatigen Erstchecks vor. Neben der Sichtung der „Cultural Belongings“ bezog sie die schriftliche Überlieferung des Berliner Missionswerks in ihre Untersuchungen ein. Zugleich machte sie deutlich, dass Provenienzforschung heute nicht mehr allein aus europäischer Perspektive betrieben werden könne. Entscheidungen über den Umgang mit kulturell oder spirituell bedeutenden „Items“ müssten gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der Herkunftsgesellschaften entwickelt werden.

Zu den aufschlussreichsten Befunden zählt die Erkenntnis, dass die Sammlung keineswegs zufällig zusammengetragen wurde. Zahlreiche Objekte wurden gezielt erbeten; Missionsstationen erhielten hierfür Listen mit Gegenständen, die bestimmte Vorstellungen von „Leben in Afrika“ dokumentieren sollten. Dabei zeigt sich besonders deutlich, dass diese Auswahlprozesse nicht neutral waren, sondern bestehende, häufig stereotype und hierarchisierende Deutungsmuster reproduzierten und stabilisierten. Die Sammlungen dienten nicht zuletzt der Präsentation in Ausstellungen in Deutschland und waren zugleich Teil der Öffentlichkeitsarbeit, mit der Unterstützung für die Missionsarbeit gewonnen werden sollte.

Der Bestand ist heute weitgehend erschlossen. Damit beginnt jedoch erst die eigentliche Forschungsarbeit. Gefragt ist eine Provenienzforschung, die koloniale Entstehungskontexte ernst nimmt und historische Verletzungen nicht ausblendet. Der Workshop machte deutlich, dass dies Zeit, internationale Zusammenarbeit und die Bereitschaft verlangt, vertraute Deutungen zu überprüfen.

Die abschließende Diskussion kreiste folgerichtig weniger um fertige Antworten als um offene Fragen: Welche Objekte verdienen eine vertiefte Erforschung? Welche Formen von Transparenz sind angemessen? Und wie lässt sich die Zusammenarbeit mit Partnerkirchen und Herkunftsgesellschaften so gestalten, dass aus der gemeinsamen Beschäftigung mit der Vergangenheit auch gemeinsames Wissen für die Zukunft entsteht? Der Workshop verstand sich damit weniger als Abschluss einer Untersuchung denn als Auftakt zu einem längerfristigen Prozess der historischen Verständigung.