Von der Ferne in die Nähe
Engagement des ÖMZ für Ausländerinnen und Ausländer
1.November 1988: die einfache Baracke, die der St. Bartholomäusgemeinde in Berlin- Friedrichshain als Gemeindehaus dient, ist ungewöhnlich voll. Menschen aus Mosambik, Angola und Südafrika, aus Nicaragua und Kuba, aus Syrien, Palästina, Äthiopien, aus China und Polen treffen sich an diesem Abend und in Zukunft regelmäßig einmal in der Woche dort mit jungen und älteren Mitgliedern der Gemeinde und interessierten Bewohner:innen aus der Umgebung. Die „Cabana“ wird eröffnet. Nach fast zweijähriger Vorbereitungszeit, nach Zustimmung des Gemeindekirchenrates und trotz ausdrücklicher Missbilligung der zuständigen staatlichen Stellen des Stadtbezirks geht ein Projekt an den Start, das Begegnung und Kommunikation von Aus – und Inländer:innen (so hieß es damals) ohne staatliche Bevormundung ermöglicht. Eine Cabana, eine kleine Hütte kennt man in Mosambik oder als Berghütte in Rumänien. Die Cabana in Berlin wird zu einem Begegnungszentrum, einem einladenden Ort, an dem man sich wohlfühlen und Kontakte knüpfen kann. Der Name wird später in mehreren Orten der DDR aufgenommen, wo ähnliche Treffpunkte entstehen.
Möglich wurde das, weil Ideen von Jugendlichen auf Verständnis und offene Ohren in der Gemeindeleitung stießen und auf eine bereitwillige und nachdrückliche Unterstützung durch das benachbarte Ökumenisch-Missionarische Zentrum, das organisatorische und technische Hilfe leistete und sogar die Schirmherrschaft über dieses Projekt übernahm. Auch INKOTA mit ihrem damaligen Büro im Haus der Berliner Mission unterstützte das Vorhaben.
Im ÖMZ war bereits unter Leitung des damaligen Direktors Christfried Berger seit 1986 ganz zielstrebig kirchliches Engagement für Ausländerinnen und Ausländer aufgebaut worden. Dazu gehörte die Berufung der Pastorin Dagmar Henke in die erstmalig in den Kirchen der DDR geschaffene Funktion einer Ausländerreferentin und dazu gehörte der Aufbau eines Netzwerkes für Ausländerseelsorge im Bereich der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen mit regelmäßigen Treffen zum Informations- und Erfahrungsaustausch der Beteiligten. Ebenso wie mit den Angeboten ökumenischen Lernens in der 1988 gegründeten „Ökumenischen Werkstatt“ oder mit ökumenisch-missionarischen Grundkursen zur Entwicklungspolitik wurden damit ganz neue Impulse für die Gemeinden der DDR angeboten, die der Realität der Menschen in der DDR Rechnung trugen. Im Jahresbericht des Berliner Missionswerkes 1991 schreibt Christfried Berger: „Die brückenbauende Funktion für Gemeinden in der damaligen DDR war das eigentliche Ziel aller Aktivitäten, die – wenn auch unvollkommen und mit mancherlei Defiziten behaftet – vom Berliner Missionshaus ausgingen. In der Trias „missionarisch leben-ökumenisch lernen-gerecht teilen“ als theologische Leitlinien bündelte das Kollegium Ende 1988 Selbstverständnis und Zielrichtung aller Arbeit im ÖMZ“ (Berliner Mission im geteilten Deutschland, Gespräche mit Zeitzeugen, hrsg. von J. Althausen, G. Nützel, A.Feldtkeller, Berlin 2004, S. 39)
Die Jugendlichen in der Bartholomäusgemeinde wollten sich ursprünglich gegen die Apartheid in Südafrika engagieren, fanden dann aber intensive Kontakte und ihr Engagement bei und mit den jungen Mosambikaner:innen, die auf der Grundlage der Regierungsabkommen zwischen der DDR und Mosambik hier lebten und arbeiteten. Christ:innen unter ihnen suchten in verschiedenen Kirchengemeinden der DDR Kontakte. Die Bartholomäusgemeinde entwickelte sich ab 1986 zu einem DDR – weiten Zentrum der mosambikanischen Gemeindegruppen, nicht zuletzt auch durch die Anwesenheit eines methodistischen Pfarrers aus Mosambik, der mit seiner Familie auf Einladung des Bundes Evangelischer Kirchen in der DDR zu einer mehrjährigen Weiterbildung in Berlin war. Das ÖMZ hatte eine Wohnung zur Verfügung gestellt, und durch die unmittelbare Nachbarschaft und die guten Kontakte zwischen ÖMZ und Kirchengemeinde gab es dann viele gemeinsame Aktivitäten. So organisierte das ÖMZ einen Portugiesisch-Kurs für engagierte Helfer*innen bei den Kontakten zu der Familie und den jungen Mosambikaner:innen, um denen, die den mühsamen Weg des Deutschlernens gehen mussten, ein Stück entgegen zu gehen.
Im Mai 1989 nahmen an einer Tagung des ÖMZ zur Ausländerproblematik in der DDR Vertreter:innen der Staatssekretariate für Kirchenfragen sowie für Arbeit und Löhne teil und gaben nähere Informationen zum Ausländerrecht und erstmalig auch über die als geheime Verschlusssache behandelten Regierungsabkommen. Und es wurde die erste Ausgabe der gegen den Widerstand staatlicher Stellen neu gegründeten Zeitschrift „Nah & Fern“ vorgestellt, die auch noch mehrere Jahre im geeinten Deutschland wichtige Informationen zur Ausländerarbeit weitergab und dem Erfahrungsaustausch diente. Im Rahmen dieses Engagements wurden Leitlinien für eine neue Ausländerpolitik erarbeitet und auf einem gut besuchten Hearing im Januar 1990 vorgestellt.
Schließlich wurden vier Personen der vom ÖMZ koordinierten kirchlichen Ausländerarbeit in die am zentralen „Runden Tisch“ gebildete Arbeitsgruppe „Ausländerpolitik“ als Delegierte oder Beratende berufen, darunter der Direktor als Moderator und die Pastorin der Bartholomäusgemeinde, die dann als erste Ausländerbeauftragte der DDR vom Runden Tisch nominiert wurde. Und „Cabana“ in Berlin und in anderen Orten war noch mehrere Jahre nach der Wende gerade in der so schwierigen Zeit des Umbruchs für viele Ausländer:innen ein notwendiger und beliebter Treffpunkt.
Almuth Berger
Zur Person:
1986 – 90 Pastorin der Bartholomäusgemeinde,
1990 Staatssekretärin und Ausländerbeauftragte beim Ministerrat der DDR
1991 – 2006 Ausländerbeauftragte des Landes Brandenburg