Kinder in Talitha Kumi, Foto: Berliner Missionswerk

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Äthiopien: Hoffnung im Bürgerkrieg?

In Äthiopien war die Hoffnung groß. Kaum im Amt, hatte der neue Premierminister Abiy Ahmed den seit Jahren anhaltenden Krieg mit dem Nachbarn Eritrea beendet. Dafür erhielt er den Friedensnobelpreis. Auch im Innern des Vielvölkerstaats sorgte er für Offenheit und Reformen: Er beendete die Vorherrschaft der Tigray, unter der besonders die Oromo gelitten hatten. Nun steht alles wieder in Frage. Denn zwischen der Zentralregierung und der Region Tigray herrscht jetzt ein offener Bürgerkrieg. Afrikareferent Dr. Martin Frank schildert die bedrohliche Lage - und ihre Ursachen. Sein Text erscheint, leicht gekürzt, auch in der aktuellen Ausgabe der „Kirche“.

Vor knapp einem Jahr bekam Abiy Ahmed, äthiopischer Premierminister, den Friedensnobelpreis. Es lohnt sich, in seiner Rede nachzulesen: „Ich habe die Hässlichkeit des Krieges an der Front aus erster Hand miterlebt. Es gibt diejenigen, die den Krieg nie gesehen haben, ihn aber verherrlichen und romantisieren. Sie haben die Angst nicht gesehen, sie haben die Müdigkeit nicht gesehen, sie haben die Zerstörung oder den Herzschmerz nicht gesehen, sie haben auch nicht die klägliche Leere des Krieges nach dem Gemetzel gespürt. Krieg ist für alle Beteiligten der Inbegriff der Hölle. Ich weiß das, weil ich dort war und zurückgekommen bin.“

Nun wird unter seinem Kommando die nördliche Region Tigray bombardiert. Mehr als 30.000 Menschen sind auf der Flucht in den Sudan. Das Gebiet ist abgesperrt, es scheinen Hunderte von Menschen massakriert worden zu sein. Schon vor den Kämpfen waren mehr als 2 Mio. Menschen in Tigray auf humanitäre Hilfe angewiesen. Nicht nur das Nobelpreis-komitee, auch die internationale Gemeinschaft ist geschockt. Wie wohltuend waren vor über einem Jahr die Nachrichten vom Frieden mit Eritrea, von der Aussöhnung mit den Rebellengruppen der Oromo, von der Freilassung Tausender Gefangener. Eine alte Frau in der Stadt Dembi Dollo im Westen, in die wir beste Beziehungen zu unserer Partnerkirche Mekane Yesus haben, fasst die Ursache für den neuen Krieg im Norden auf ihre Weise zusammen, wie uns jemand von dort berichtete: Sie habe alle Bücher über Barack Obama gelesen. Der sei von seiner Mutter auf das Amt vorbereitet worden, er musste morgens vor der Schule Zeitung lesen und hat Jura studiert. Ihr Premier dagegen habe im Geheimdienst gearbeitet, er sei mit seiner politischen Aufgabe überfordert. Die politische Analyse, wie der Friedensbringer zum Kriegsheld mutieren konnte, ist sicher vielschichtiger.


Bei allem Misstrauen waren auch die Diasporagemeinden hier in Berlin zuerst voller Hoffnung. Viele besuchten 2019 ihr Heimatland. Nun rätseln alle über die Motive der Regierung, die direkte Konfrontation mit der hochgerüsteten Armee in Tigray zu suchen. Geht es Abiy um Rache, weil die Entmachtung der Kader der regionalen Regierungspartei Tigray People's Liberation Front (TPLF), die das Land über Jahrzehnten beherrscht hatten, nicht erfolgreich war? Tigray hatte als einzige Region Äthiopiens im Mai entgegen seiner Anweisung Wahlen abgehalten, währenddessen der Zentralregierung diese wegen der Pandemie auf unbestimmte Zeit aussetzen ließ. Seitdem ist sie nicht mehr demokratisch legitimiert, ein klarer Verfassungsbruch. Abiys offizielle Begründung, durch den Krieg in der Region wieder Gesetzlichkeit herzustellen, klingt daher nach einem Vorwand.


Aber es gibt andererseits viele Stimmen in Äthiopien, die die zunehmenden Kämpfe, Morde und ethnischen Vertreibungen in den letzten zwei Jahren mit dem bewussten Versuch der Tigray erklären, das riesengroße Land mit seinen über 80 Ethnien zu destabilisieren, um wieder an Macht und Einfluss zu kommen. Die Tigray hatten über 25 Jahre einen ethnischen Föderalismus etabliert, der die neun Regionen des Landes entlang der Bevölkerungsgruppen einteilte, sie selbst aber an die Spitze stellte. Nun stehen sich im Land zwei politische Systeme gegenüber, eine starke Zentralregierung gegen autarke ethnische Regionen wie die in Tigray. So wird dem Lastwagenfahrer aus Oromia, der in der Hauptstadt seine Waren abliefern möchte, von dem jungen Polizisten am Kontrollpunkt  bedeutet, dass sein Führerschein aus dem Süden ab der Stadtgrenze nicht mehr gilt. Die Gefahr wächst bedrohlich, dass das Land auseinanderfliegt und sich die ethnischen Konflikte vielerorts verstärken. Im Westen Äthiopiens gibt es einen nicht erklärten Krieg von Regierungstruppen gegen die Oromo Liberation Front und weitere Rebellen, die ihre Waffen nach ihrer Rückkehr aus dem Exil nicht abgegeben haben. Die Bevölkerung leidet, Ernten können nicht eingeholt werden, Zivilisten werden massakriert.


Die Mitglieder unserer Partnerkirche stehen zwischen den Fronten, die bis nach Dembi Dollo hineinreichen. Auch in Addis Abeba herrscht „Kriegsstimmung“, wie mir ein Kollege berichtet. Der „Interreligiöse Rat von Äthiopien“ fleht in seinem Aufruf um Mäßigung: „Verehrte Älteste, Abba Gedas‘ (traditionelle Führer), Väter, Mütter und einflussreiche Menschen in der Gesellschaft, wir möchten Euch alle auffordern, Euren Einfluss geltend zu machen und dabei zu helfen, dass der gewaltsame Konflikt zwischen Brüdern nicht eskaliert!“ Unsere Partnerkirche hat sich noch nicht positioniert. Zu Beginn seines Amtsantritts hatte die Kirchenleitung sich klar auf Abiy Ahmeds Seite gestellt. Nun kann sie einen Krieg der Regierungstruppen gegen eine autonome Region nicht gutheißen, der sie selbst, in der Leitung seit langem Oromo-dominiert, als Nächste treffen könnte.



Es ist umso bewundernswerter, wie unsere Partner auch in diesem Jahr unverdrossen versucht haben, ihre Projekte weiterzutreiben. So konnten mehr junge Frauen als je zuvor ihr Theologiestudium abschließen und haben nun endlich eine eigene Unterbringung in Arba Minch. Sowohl in Dembi Doll als auch in Arba Minch generieren die neuen Hostienbackmaschinen, die das Berliner Missionswerk gemeinsam mit der Ev. Landeskirche Anhalts gesponsert hatte, durch den Verkauf der Hostien Einkommen. Das große Wasserprojekt im Süden ist mit Unterstützung des Berliner Kirchenkreises Nord Ost kurz vor der Fertigstellung. In Chanka läuft auch durch die Treue der Kirchengemeinde in Schmöckwitz die AIDS-Hilfe weiter.

Das Berliner Missionswerk hat seit vielen Jahren Kontakt zu einer Flüchtlingsorganisation aus Addis Abeba, die für die vielen im eigenen Land Vertriebenen humanitäre Hilfe leistet, traumatisierte Menschen betreut und ihnen hilft, ein neues Zuhause aufzubauen. Für sie möchten wir zur Spende vor Weihnachten aufrufen. Bitte nehmen Sie Äthiopien und unsere Partnerkirche in Ihre Fürbitte zuhause und in der Gemeinde auf!

Dr. Martin Frank

Spendenkonto:
Evangelische Bank

BIC GENODEF1EK1
IBAN DE86 5206 0410 0003 9000 88
Stichwort: "Nothilfe Äthiopien"

Fürbitte

Du Gott des Friedens, mit unseren Geschwistern leiden wir darunter, dass ethnisch motivierte Gewalt in Äthiopien zugenommen hat; dass bestehende Konflikte zwischen Volksgruppen und  Religionen zu Hassreden führen, zu Gewalt und Waffeneinsatz; dass in verschiedenen Landesteilen gezielte Demütigungen, willkürliche Verhaftungen, Tötungen und Vertreibungen zu beklagen sind; dass die äthiopische Regierung eine Militäroffensive in der Region Tigray durchführt; dass viele Tausende verängstigte Menschen auf der Flucht sind.

Du Gott des Friedens, berufe Friedensstifter in Äthiopien, sende Deinen Geist zu den verfeindeten Gruppierungen. Befreie die Menschen aus den Kreisläufen der Gewalt, die sie so leidvoll in der Vergangenheit erlebt haben und hilf ihnen, sich auf ihre Traditionen zu besinnen, Konflikte friedlich zu lösen. Amen

Fürbitte von Pfr. i.R. Siegfried Menthel, Schmöckwitz

Bau einer neuen Wasserleitung. (Foto: Banga...

Bau einer neuen Wasserleitung. (Foto: Banga Balta, Projektkoordinator der Mekane Yesus-Kirche)

 

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